"Wer bereits als Kind die Welt zwischen den Zeilen für sich entdeckt, geht auch später gern als Abenteurer durchs Leben." {Creativity First}

Dienstag, 10. Januar 2017

[Rezension] New York Diaries — Claire (Ally Taylor)

Ally Taylor: New York Diaries  Claire 

Übersprudelnd und umarmend, kokett und überwältigend. Einfach ein bisschen mehr von allem vereint nicht nur die Stadt, die niemals schläft, sondern eben auch die neue von Knaur veröffentlichte Romanreihe von Ally Taylor und Carrie Price. Vielversprechend! Denn wann immer Geschichten der beiden Autorinnen "in Serie gehen", ist eloquente Popcornunterhaltung garniert mit Herzschmerz ziemlich wahrscheinlich. So auch dieses Mal?

P.S.: Dass NEW YORK nun dank der beiden Bühne des großen Geschehens wird, macht das Entzücken für mich persönlich bereits zu so etwas wie einem Selbstläufer. Die Hälfte der (in NY zugegeben teuren) Miete ist also so gut wie drin...


~ Rezension ~

If you can make it here...

Nachdem Claire Gershwin wieder einmal das Herz gebrochen wurde, kehrt sie mit ins Kellergeschoss gerutschtem Stolz zurück nach New York. Dort findet sie Unterschlupf im Kleiderschrank ihrer besten Freundin June — und das mit Anfang dreißig. Was ist nur aus ihren Visionen geworden? Und als hätte Claire nicht schon genug mit den Scherben ihrer Gegenwart zu kämpfen, treten da auch noch Jamie, Claires erste große Liebe, und Danny, ihr bester Freund aus Kindertagen, unerwartet zurück in ihr Leben. Katastrophe oder Segen? Schließlich gab es triftige Gründe, weshalb seit Jahren Funkstille herrschte. Aber wurden die eigentlich jemals tatsächlich offen angesprochen? 

New York Diaries — Claire aus der Feder von Ally Taylor bildet den Auftakt der New York Diaries. Dies ist eine Romanreihe, die in das prächtige Kaleidoskop aus Alltagswahnsinn, Liebe und der Suche nach dem angekommen Ich in eine Weltstadt entführt.

Vertraut gewandt, bildsprachlich ausgeklügelt und emotional ansprechend wirft Ally Taylor ihre Leser/innen unmittelbar ins Geschehen. Bei diesem handelt es sich um das verworrene und gerade unbeschreiblich aufgewühlte Leben Claires. Die Autorin porträtiert eine junge Frau, die zum einen liebenswert chaotisch und witzig, zum anderen von Emotionen überwältigt daherkommt. Sie möchte endlich einen Haken hinter eine ihrer Meinung nach verkorkste Vergangenheit machen und übersieht dabei allerdings das Wesentliche: Dass sie ohne ebenjene Erfahrungen nicht die mutige, loyale Persönlichkeit geworden wäre, die nie aufgehört hat, ein wenig an den Zauber von Disney zu glauben.

Dass sich Claire nun abermals in einem Netz aus verdrängten Gefühlen, ungeahnten Ängsten und unausgesprochenen Worten zu verheddern droht, gehört einfach zu ihrem Schicksal wie die Freiheitsstatue zu New York. Natürlich sind knisternde und bittersüße Klischees und hyperventilierende Überspitzungen da nicht weit. Hallo? Das sind immerhin maßgebliche Klassiker des von der Autorin geprägten Genres! Meiner Meinung nach wird der Bogen aber nie überspannt. Denn das hohe Maß an packender Emotionalität und innerer Zerrissenheit sorgt dafür, dass die Fiktion in einen Mantel lebensnaher Glaubwürdigkeit und Tiefenwirksamkeit gehüllt wird.

Was mich an diesem Roman zudem besonders begeistert, ist die große Liebe zum Detail, mit der New York den Leser förmlich in den Bann zieht. Die Stadt wird nicht nur als Setting lebhaft in Szene gesetzt, sondern wird mit ihrer Ausstrahlung und Sogkraft zu einer weiteren Protagonistin. Ally Taylor gelingt es, uns den New Yorker "way of life" zu kredenzen wie ein köstliches Stück Apple Pie mit Sahne. Chapeau... und Nachschlag, bitte!

Ein Roman, der es seiner gewählten Kulisse gleich macht und Herzen springen, brechen und heilen lässt. Seine Botschaft? Manchmal sehen wir das Zuhause unseres Seelenheils vor lauter Wolkenkratzern nicht. Das heißt jedoch nicht, dass es nicht da ist.

FZIT: Aufmüpfig. Attraktiv. Aufwühlend.


Dienstag, 20. Dezember 2016

[Neu im Regal] Nerdy Christmas everyone!

Solltet ihr ebenso große Freude an Weihnachts- geschichten haben wie ich, dann solltet ihr möglicherweise ganz dringlich euren Wunschzettel um Adriana Popescus Love, possibly erweitern, insofern noch nicht geschehen.

Denn, ja, lasst uns um den Tannenbaum tanzen, aller guten Dinge sind drei! Die Geschichte von Pippa und Lukas, die vor vier Jahren als E-Book-Überraschung begeisterte und dann 2014 vom Piper Verlag neu aufgelegt wurde, ist jetzt tatsächlich in der englischsprachigen Adaption (verwandelt von Ellen Dunne) erhältlich. Wenn das kein Paukenschlag *pa rum pum pum pum* ist?!

Als Pippa-Fan der ersten Stunde freue ich mich RIESIG. Pippa und Lukas/Luke haben auf ihrem Gepäckwagen einen unglaublich tollen Weg hinter sich und ich glaube, sie sind einfach bereit für die nächste Etappe. 

Auch wenn ich mich wiederholen mag (siehe Buchrücken), aber: "This book is simply as cheerful, bright and sweet as a Christmas cracker. Boom!"


❄ 🎄 ❄ 🎁 ❄ 




Dienstag, 13. Dezember 2016

[Rezension] Weihnachten mit den Padderborns (Sandra Pulletz)

Sandra Pulletz: Weihnachten mit den Padderborns

Ui, ui, ui. Ihr ahnt es womöglich: Für mich als waschechter Freund der Weihnachtszeit ein, wie heißt es so schön, gefundenes Fressen. Eine Geschichte, der es gelingt, die Augen nicht vor dem "wahren Gesicht" der Festtage zu verschließen und dabei aber auch keineswegs den Zauber dieser funkelnden und von klingelnden Glöckchen begleiteten Zeit zu nehmen.

Ein Dankeschön an Sandra Pulletz für die freundliche Anfrage, ob ich denn Lust hätte, ihren neusten Streich zu lesen!

Cover: Sandra Pulletz


~ Rezension ~

Chaotische Weihnachtsharmonie

In der Familie Padderborn soll das Weihnachtsfest in diesem Jahr besonders perfekt werden. Dieses hohe Ziel hat sich Nadine gesteckt. Vom Weihnachtsschmuck über das Festessen bis hin zu den Geschenken soll einfach alles stimmen. Allerdings hat die ambitionierte Köchin und Planerin da die Rechnung ohne ihre reizende Familie, allen voran ihre stets mokierende Mutter, gemacht. Die guten Vorzeichen für besinnliche Feiertage geraten daher rasch in arge Bedrängnis. Kein Wunder also, dass ihr mit immer näher rückender Bescherung ganz mulmig wird...

Weihnachten mit den Padderborns von Sandra Pulletz zeichnet das aufgeweckte Porträt einer Familie nach, bei der die Festtage anstelle von Lametta mit reichlich glitzerndem Pannenpotenzial geschmückt zu sein scheinen.

Voller weihnachtlicher Vorfreude, ein wenig schräg und irgendwie doch vollkommen normal kommt Familie Padderborn daher. Der Wunsch, ein paar harmonische und einfach nur gemütliche Feiertage zu verleben, dürfte uns allen nicht fremd sein. Doch meist ist das mit der Besinnlichkeit so eine Sache. Eine Erkenntnis, welche die Autorin auch ihren lebhaften Figuren zugesteht. Damit zaubert sie eine quirlige Weihnachtsgeschichte, die ohne lange Umschweife ein Weihnachten am Abgrund des Familienwahnsinns kreiert. Ein verhunzter Weihnachtsbaum, Geschenkverfehlungen, Notarzteinsatz — und als ob das noch nicht genug wäre, muss plötzlich auch die am Herd alles andere als versierte Bettina den Kochlöffel in die Hand nehmen, weil Nadine ausfällt. Halleluja!


Ihren Figuren verleiht Sandra Pulletz einen sympathisch "normalen" Anstrich. Sie wirken weder gezwungen noch unnahbar. Sie haben vielmehr eine "Wie du und ich"-Ausstrahlung. Und, seien wir ehrlich, wenngleich niemand wirklich gern eine ewig krittelnde Mutter Padderborn an der Festtagstafel zu sitzen haben mag, ist sie ein markanter Charakter, ohne den die Geschichte (und vermutlich auch das Leben) einfach unvollständig wäre.

Übrigens: Als köstliches Schmankerl gewährt die Autorin obendrein am Ende ihrer Novelle noch besondere Einblicke in die Küche der Padderborns. Denn wir Leser werden mittels einer Reihe von Rezeptideen zum Nachkreieren der in der Geschichte kredenzten Leckereien animiert. An die Pfannen, fertig, los!

Locker-flockig wie eine Kokosmakrone. In der Summe eine kleine, aber feine Geschichte, die mit einem verschmitzten Augenzwinkern des Weihnachtsmanns unterstreicht, dass manchmal auch schon das perfekte Weihnachtschaos glücklich macht. Das fröhliche Fest ohne weitere Zwischenfälle verschieben wir einfach aufs nächste Jahr... oder aufs übernächste.

FZIT: Festlich. Heiter. Unverfälscht.


Dienstag, 6. Dezember 2016

[Rezension] Big Magic (Elizabeth Gilbert)

Elizabeth Gilbert: Big Magic — Creative Living Beyond Fear 

Mit ihrem Buch Big Magic hat Elizabeth Gilbert eine flammende Huldigung der Mannigfaltigkeit von Einfallreichtum und Originalität verfasst. 

Dazu gehören, na klar, die überglücklichen Nächte, in denen sie all ihr Herzblut in eine Geschichte gepackt hat, und die leuchtenden Sternstunden nach dem Überraschungserfolg von Eat Pray Love. Aber eine genauso bedeutsame und prägende Rolle spielen hierbei auch die verzweifelte Suche nach dem zündenden Funken und die anfangs bittere, später dankbare Erkenntnis, dass manche mühsam erarbeiteten Manuskripte einfach losgelassen werden müssen. Schmerzhaft? Ja. Das Ende der Welt? Nein.

Cut!

Mit großer Sogwirkung, aber nichtsdestotrotz Freiraum gebend hält Elizabeth Gilbert ihre Leser dazu an, stets mit unbeirrter Neugierde und wachsamen Blick für all das (Un-)Mögliche durchs Leben zu gehen.


~ Rezension ~

Der Zauber der kleinen kreativen Schritte

Elizabeth Gilbert ist eine weltbekannte und von Millionen Menschen geschätzte Bestsellerautorin. Doch auch sie schüttelt ihre Werke nicht aus dem Ärmel, obgleich sie sich seit Jahrzehnten mit größter Hingabe dem Erfinden und Erzählen von Geschichten verschrieben hat. Im Gegenteil. Sie kennt beide Seiten der Medaille nur zu gut: das Für-Genialität-gefeiert-Werden und die beängstigende Leere während des endlosen Wartens auf die Muse — eben die "Big Magic", wie Elizabeth Gilbert diese Initialzündung nennt. 

Elizabeth Gilberts Buch Big Magic — Creative Living Beyond Fear ist eine enthusiastische Hommage an all die (un-)geduldigen, sich (miss-)verstanden fühlenden Künstler dieser Welt. Die Autorin wird dank ihrer teils philosophisch, teils erfrischend unbekümmert geteilten Facetten eigener Lebenserfahrung zu einer Mentorin, die ihr Herz auf der Zunge trägt.

Kreativität ist ein uns (temporär) zuteilwerdendes Geschenk. Wir können sie weder erzwingen, noch garantieren. Wir können schlichtweg dankbar dafür sein, wenn wir mittels unserer eigenen Weltoffenheit, Neugier und Beharrlichkeit einer Idee begegnen, die von uns geformt und geteilt werden möchte. Elizabeth Gilbert unterstreicht konsequent, dass die von ihr beschriebene Big Magic eine Kraft ist, die sich uns aussucht — nicht umgekehrt.

Anhand ihres eigenen Werdegangs, der von jubelnden Hochs und nicht minder verlässlichen Tiefs gezeichnet ist, nimmt die Autorin ihren Lesern Illusionen. Wer nun allerdings glaubt, das mache sie zu einer Spielverderberin, der irrt. Denn obwohl sie vehement die Wunschvorstellung vom leichten, dauerhaft währenden Erfolg als kreativer Kopf demontiert, wird sie zur absoluten Mutmacherin. Weshalb? Weil Elizabeth Gilbert mit ebenso großem Nachdruck den Trugschluss beseitigt, eine kreative Blockade oder ein Scheitern wären das Ende unserer Berufung. Von wegen! Es sind gerade jene gefürchteten Rückschläge, die unserem Schaffen Profil, Wertigkeit und nicht zuletzt Glanz geben. 

Eine Vielzahl von Anekdoten aus dem Leben geistreicher Weggefährten und/oder Leidensgenossen, die unbeirrte Reflexion menschlicher Ecken und Kanten sowie ein Streifzug durch das schier unergründliche Universum der Schöpferkraft ermöglichen dem Leser einen weiteren aufschlussreichen Blick über den Tellerrand des eigenen Flows bzw. des eigenen Haderns hinaus.

Was mich an dieser wunderbaren Lektüre neben der Dichte an inhaltlichen "Weisheiten" besonders in den Bann zieht, ist zweifelsohne die Persönlichkeit Elizabeth Gilberts. Ihre Worte sind scharfsinnig und absolut beflügelnd. Ihr Humor und ihre Selbstironie sind bestechend. Ihre Fähigkeit, Verständnis für Fürsprecher und Querulanten aufzubringen, ist beispielhaft. Die betonte Daseinsberechtigung von gebührendem Erfolg und totaler Pleite, die Dankbarkeit für ihr gegebene Möglichkeiten, die blühende Überzeugung der Sinnhaftigkeit des großen, uns alle überdauernden Ganzen sind schlichtweg ansteckend.

Mit diesem Buch macht Elizabeth Gilbert die vielgestaltige, an sich nicht zu greifende Kreativität doch ein klein wenig (be-)greifbar. Gleichgesinnte werden sich von den gut 270 Seiten umarmt fühlen.

FZIT: Unverblümt. Loyal. Anspornend.


Dienstag, 29. November 2016

[Neu im Regal] Ein Trio gegen die Novembertristesse

Dass ich es mir keinesfalls entgehen lassen kann, wenn Ally Taylor alias Anne Freytag mit ihrem ersten Roman einer neuen lebhaften Reihe, die sie gemeinsam mit Carrie Price alias Adriana Popescu zum Leben erweckt, aufwartet, versteht sich von selbst, nicht wahr? Daher konnte ich den goldgelb strahlenden Teil New York Diaries  Claire natürlich nicht stehen lassen, als er mich im hiesigen Buchgeschäft geradezu hypnotisierend anlachte. WOOHOO, NEW YORK, ICH KOMME!!! 

Darüber hinaus bahnte sich die (fiktive) Biografie von Erika Mustermann ihren Weg zu mir. Ein herzliches Dankeschön an Eden Books für diese Überraschung im Postkasten. Schließlich hatte doch "die Erika von nebenan" Geburtstag und nicht ich. Aber so kann es gehen. 

Und da aller guten Dinge bekanntlich drei sind, freue ich mich obendrein über das liebevoll gepackte Paket, auch Herzensbag genannt, das ich im Rahmen der Herzenstage, die Bücherwürmern daheim rund um die Frankfurter Buchmesse ein Lächeln ins Gesicht zauberten, tatsächlich gewonnen habe. Überschwängliche Leserfreude auf ganzer Linie, glaubt es mir! Vielen Dank an all die Mitwirkenden. Ihr bekommt das Prädikat "Liebenswert!" verliehen, keine Frage. 
P.S.: Bin aus verschiedenen Gründen augenblicklich großer Fan der beiden Stoffbeutel. Entzückend!

Mit all dieser spritzigen Lektüre ausgestattet (und mit den obligatorischen Weihnachtsmelodien im Ohr) steuere ich nun also bester Dinge dem Dezember entgegen. Ganz ähnlich ergeht es euch hoffentlich auch.


Dienstag, 22. November 2016

[Rezension] {♫♫} Immer noch Mensch (Tim Bendzko)

Tim Bendzko: Immer noch Mensch 

Ohne Übertreibung kann ich sagen, dass ich seltenst der Veröffentlichung eines Musikalbums derartig entgegengefiebert habe wie der von Immer noch Mensch. Nachdem Tim Bendzkos ersten beiden Alben, Wenn Worte meine Sprache wären und Am seidenen Faden, mit Leichtigkeit die meistgehörtesten meiner Sammlung sind, konnte ich diesen musikalischen Nachschub in Form der signierten Special Edition (die, nebenbei gesagt, doch wahrlich hübsch daherkommt) daher kaum bis gar nicht erwarten...

Was kann ich sagen? Nun, ich hätte nicht gedacht, dass mich dieses Album auf Anhieb vielleicht sogar noch ein bisschen mehr in den Bann würde ziehen können als seine Vorgänger. (So ziemlich ein Ding der Unmöglichkeit!) Das über eineinhalb Jahre lange Warten nach dem vorerst letzten Konzertbesuch hat sich definitiv gelohnt. 

Ich weiß gar nicht so recht, was mich am meisten beeindruckt? Aber für mich als ultimativer Fan von Sprache und Wortmalereien und ambitionierter Gedankenjongleur ganz vorn mit von der Partie ist zweifellos die für meinen Geschmack geniale Kombination der aussagekräftigen Texte mit Melodien, die unter die Haut gehen. 

P.S.: Nicht oft hatte ich bereits im Vorfeld einer Tour einer derartig klare Überzeugung davon, wie wunderbar die Interpretationen auf der Bühne wirken werden...


~ Rezension ~

Ein Resonanzkörper menschlicher Empfindungen

Es gibt Musik, die sich gern hören lässt. Und es gibt Musik, die wir fühlen — durch und durch und bei jedem Hören aufs Neue und ein wenig mehr. Zu zweiter Gruppe gehört Immer noch Mensch. Ein Album, das eine Auswahl an Liedern vereint, die Tim Bendzko als Singer/Songwriter und Produzent selbst als Pralinen bezeichnet und den Hörern dementsprechend kredenzt. Beinahe scheint es, als bringe Beste Version, so der erste Titel auf dem Album, das mögliche Resümee zum Gesamtwerk bereits ausdrucksstark auf den Punkt. 

Tim Bendzkos drittes Album Immer noch Mensch steckt voller unaufdringlicher Aufrichtigkeit und emotionalem Mehrwert. Es schlägt Saiten an, von denen sich du und ich angesprochen, verstanden und beflügelt fühlen.

Eine Stärke Tim Bendzkos ist es seit jeher, seinen Stücken eine vom ersten Ton an verständliche, aber dennoch tiefenwirksame Bedeutung zu geben. Dieses Vermögen verfeinert er auf Immer noch Mensch. Präzise Eloquenz, die hohe Intensität an gefühlsbetonten Werten und lebensechte Dynamik charakterisieren das Album. Teils gerade heraus, zeitweise clever zwischen den Zeilen verpackt spiegeln die Texte ein einnehmendes Kaleidoskop nur allzu menschlicher Befindlichkeiten, Einsichten und Möglichkeiten wider.

Die einen mögen die deutliche Nachdenklichkeit des Albums vielleicht als durchaus schwermütig einstufen. Ich hingegen empfinde die aufgefächerte Analytik und Beobachtungsgabe vielmehr als absolut auf den Kopf getroffenen Nagel. 

Ob angegraute Melancholie oder wabernder Weltschmerz, ob offensive Zuversicht oder beharrliche Leichtfüßigkeit — jedes einzelne Lied gleicht gewissermaßen einer Offenbarung, deren Identifikationspotenzial (mich) sehr berührt. Die Harmonie zwischen den mit großem Wahrheitsgehalt ausstaffierten Textzeilen und deren musikalischer Untermalung ist mehr als nur gelungen. Eine Liebe zum Detail, die beim Hören spürbar wird. Ganz ehrlich: Für mich persönlich gibt es nur sehr, sehr wenige Künstler, die es schaffen, mich in diesem großartigen Umfang mit ihrer Musik zu begeistern.

Leise, authentische Töne, die laut nachhallen, einfühlsame Reflexion und munterer Enthusiasmus für ein Leben mit all seinen Etappen machen die Mischung aus, mit der Tim Bendzko "Lebensweisheiten" teilt, ohne dabei aufgesetzt zu wirken. Im Gegenteil. Mit Zeilen wie Kann man das noch reparieren?, Was du jetzt bräuchtest, ist'n bisschen Phantasie und der Schleier fällt und Ich sing' nicht für den Applaus, gehört zu werden, reicht mir aus spricht der Berliner vermutlich tausenden Menschen aus der Seele. Denn bei all dem Tohuwabohu, das uns täglich umgibt, ist und bleibt es essentiell (wenngleich nicht immer einfach) sich selbst treu zu bleiben.

Immer noch Mensch ist viel mehr als eine gekonnt arrangierte Zusammenstellung von 11 Liedern mit Charakter, die in einem Keller auf dem Land eingespielt worden sind. Es ist Sprachrohr, Katalysator und Spiegelbild in einem und vom Feinsten!

FZIT: Glaubwürdig. Menschlich. Zeitlos.


Dienstag, 15. November 2016

[Rezension] Außergewöhnlich verliebt (Sarah Saxx)

Sarah Saxx: Außergewöhnlich verliebt 

Im Oktober 2016 veröffentlichte die österreichische Autorin Sarah Saxx einen weiteren Teil ihrer stetig wachsenden Reihe der Greenwater Hill Love Storys

Sollte hier der Titel, Außergewöhnlich verliebt, bereits ein Fingerzeig dafür sein, dass dieser Roman in anderen Bahnen verlaufen würde als vermutet? Würde das Überraschungsmoment auf die Überholspur ausscheren und uns Leser staunend zurücklassen?

Danke vielmals, liebe Sarah, für das Zusenden eines Rezensionsexemplars in Form eines E-Books.

Cover: Sarah Saxx


~ Rezension ~

Harte Schale, weicher Kern?

Dass sich die toughe Automechanikerin Sam und der gutherzige Tierarzt Ted ausgerechnet aufgrund einer Autopanne das erste Mal über den Weg laufen, ist wohl eine Fügung des Schicksals. Denn so verschieden beide sein mögen, irgendwie sind sie sofort auf einer sehr besonderen Wellenlänge. Wenn es allerdings nach Sam geht, soll dies auch das letzte Aufeinandertreffen mit Ted gewesen sein. Denn mit einem Mal fürchtet sie, dass ihr größtes Geheimnis ans Licht kommen könnte und genau das sie ihre hart erkämpfte Freiheit kosten würde. Sie muss die Notbremse ziehen, bevor sich das Blatt wendet!

In ihrer neusten Greenwater Hill Love Story, Außergewöhnlich verliebt, nimmt Sarah Saxx sich der Herzensangelegenheit zweier Charaktere an, die Feuer und Wasser gleichen. Ist es ihnen daher unmöglich, zu einer Einheit zu werden?

Was bereits nach den ersten Seiten dieses Romans deutlich wird, ist, dass die zwei Protagonisten zum einen zwar sehr wohl eine Schnittmenge haben, dass das potenzielle "Mehr" allerdings erst einmal gegen eine emotionale Rauheit anzukommen hat. Dies ist vor allem der bissigen Art Sams zuzuschreiben. Diese Ecken und Kanten bilden das Pendant zu Teds Freundlichkeit und machen für uns Leser den Reiz aus, die sich entwickelnden Bande zwischen den beiden zu verfolgen.

Die von der Autorin kreierten Gegensätzlichkeiten — Sehnsucht nach Geborgenheit versus antrainierter Fluchtreflex, Vertrauen kontra Misstrauen, Herz versus Vernunft — bestimmen die Handlung auf sehr prägnante Weise. Die inneren Konflikte, hemmenden Unsicherheiten und prickelnden Zuneigungen, denen Sam und Ted ausgesetzt sind, wirken glaubwürdig und sind von Sarah Saxx zudem in angenehmer Dosis mit dem einen oder anderen Klischee bedacht worden. Sie hat eben den Dreh (mit dem Schraubenschlüssel) raus! Das Repertoire reicht hierbei von eher grob geschnitzter Wortführung über raffiniert fokussiertes Freiheitsgefühl bis hin zu elektrisierender Anziehungskraft.

Für mich hat dieses Buch etwas von Zartbitterschokolade: herbe Note und dennoch ein feiner, obgleich leicht verzögerter Schmelz.

Alles hat seine Zeit und geschieht aus einem bestimmten Grund. Doch ist das Hier und Jetzt tatsächlich die Zeit für Sam und Ted? Sarah Saxx bietet ihren Lesern eine Liebesgeschichte mit einem etwas scharfkantigeren Profil, das vielleicht oder vielleicht auch nicht geschliffen werden kann.

FZIT: Resolut. Rasant. Rau.